Linsensalat mit Kirschen. Dazu: Ostwestfälische Tugenden. Eine kleine Liebeserklärung an die Menschen meiner Heimat und einen israelischen Koch.

Ich vergesse manchmal, wo ich wech bin.

Nein, ich vergesse nicht meine Kinderstube, meine Familie, meine ältesten Freunde und wo ich aufgewachsen bin. Aber nach über 10 Jahren im Rhein-Main-Gebiet, vergisst man schon mal die Unterschiede seiner Heimat – bis sie einem wieder unter die Nase gerieben werden.

Ich bin in Ostwestfalen* aufgewachsen.

Der Ostwestfale* an sich ist bodenständig. Er ist stur. Wobei eigentlich: „Der Ostwestfale ist nicht stur. […] er ruht in sich.“ Ostwestfalen benutzen Wörter wie Pölter, Pömpel oder Latüchte. Ein g wird zum ch – so heißt es Tach, Pingeljachd und Jochurt; oder auch wech. Letzteres ist ganz wichtig, denn der Ostwestfale fragt nicht, wo Du herkommst. Er fragt: „Wo bisse wech?“* Neben aller Neugier ist der Ostwestfale ein wenig verschlossen – zumindest am Anfang, dann aber hilfsbereit und treu in seiner Freundschaft, sobald man Zugang zu seinem Herzen gefunden hat. Er braucht halt eine Weile, bis er so aus sich rauskommt. Wenn es aber so weit ist, dann steht er bei einem – und bietet stets eine Schulter zum anbucken.

Und weil ich dann auch ein Ostwestfale bin, brauche ich ein bisschen bis ich mein Herz öffne. Wenn ich aber entschieden habe, das zu tun, dann geschieht das bedingungslos. Bei Herrn Ottolenghi wusste ich zwar gleich, wo er wech ist – dennoch habe ich erst mal mit ostwestfälischer Ruhe beobachtet, was es mit dem Herrn auf sich hat. Man kann ja nicht direkt auf jeden Koch Zug aufspringen. Manchmal muss man schon so 2 – 5 Jahre abwarten.

In den letzten Wochen jedoch ist fast jede Kalorie, die den Weg auf meine Hüften gefunden hat, entweder aus seinem Kochbuch „Jerusalem“ oder seinem 2008-er Erstlingswerk „Das Kochbuch entsprungen. Da ist es nun wohl an der Zeit, Farbe zu bekennen.

Daher hier eine kleine Liebeserklärung, eine Buchempfehlung  – und damit vielleicht die allererste Rezension meines Lebens. Ich habe mich quasi wie eine ostwestfälische Raupe Nimmersatt von vorne bis hinten durch beide Bücher gekocht. Ich habe Rezepte ausprobiert, abgeändert, gegessen, geteilt, verschenkt, fotografiert (und manche auch nicht…).

Ich liebe die Beschreibungen seiner Gerichte und die kleinen Anekdoten, die zu den Gerichten serviert werden – da gibt es Hintergrundinfos zu Gerichten, Geschichten aus seiner Kindheit und auch allgemeines zu Land und Leuten. Zwei durchaus reichhaltig gewürzte Kochbücher also. Was nicht weiter verwundert: Seine Aromen-Kombinationen sind beeindruckend. Ich bin ihnen quasi komplett verfallen. Gurke und Mohn? Kirschen und Linsen? Spinatsalat mit Sumach? Für mich eine Küche, für die mein ostwestfälisches Herz eine Ausnahme gemacht hat – die habe ich bereits nach dem ersten Bissen für gut befunden.

Und zu den Büchern? Für mich stimmt fast einfach alles – das Layout, der Text und ganz wichtig die Mengen- und Zeitangaben.  Die Zutaten, sind (wenn auch auf den ersten Blick noch so exotisch) doch einfach zu besorgen. Getrocknete Sauerkirschen gibt’s im Reformhaus/Biomarkt, Sumach beim türkischen/orientalischen/libanesischen Händler des Vertrauens – und vieles andere steht in jedem normalen Regal, wurde nur bisher so nicht kombiniert.

Im Umgang mit dem Buch kann ich daher nur zwei Empfehlungen geben. Und mit denen bin ich stur.

  1. Rezepte vorher zu Ende lesen – dann merkt man nicht mittags, dass der Brioche-Teig natürlich über Nacht im Kühlschrank gehen muss und man dann für heute wohl ein anderes Abendessen planen muss.
  2. Unbedingt nachkochen.

Fruchtiger Belugalinsen-Salat mit Kirschen

veganer Salat mit getrockneten Kirschen

Rezept inspiriert von Yotam Ottolenghi, „Das Kochbuch“

Sommerleichter, superschneller Sattmacher für 1-2 Personen als Hauptgericht

  • 100 g Beluga-Liesen (alternativ: Le Puy-Linsen)
  • 2 – 3 sehr junge Stangen von einer Selleriestaude, mit grün (ich nehme die aus der Mitte)
  • 1 EL getrocknete Süßkirschen (alternativ: frische Kirsche, süß oder sauer)
  • 1 Schalotte
  • 1/2 rote Chilischote (ca. 2 – 3 cm)
  • 3 EL Balsamico
  • 2 EL Johannisbeer-Essig, alternativ: Himbeer- oder anderer Fruchtessig
  • 4 EL Sonnenblumenöl
  • 1 TL Cumin
  • Salz, Pfeffer
  • optional: cremiger Ziegenkäse oder Gorgonzola nach Geschmack

Belugalinsen-Salat

Zunächst die Linsen waschen und mit 1/2 TL Salz sowie dem Cumin in reichlich Wasser garen. Das dauert ca. 30 Minuten.

In der Zwischenzeit die Kirschen und den Sellerie waschen. Die Kirschen halbieren und den Sellerie grob hacken. Chili und Schalotte fein hacken. Alles mit Balsamico, Essig und Öl zu einem Dressing verrühren.

Die Linsen abgießen und noch warm in das Dressing geben, damit sie möglichst viel davon aufsaugen können. Abkühlen lassen und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Nach Geschmack direkt vor dem Servieren etwas Ziegenkäse oder Gorgonzola (in Stücken) in den Salat geben.

Nachsätze und Links

  • * Ost-West-was? (Ein Widerspruch in sich.)
  • * Auf der Suche nach Aufhängern für diesen Post befragte ich auch den großen Bruder, um herauszukriegen, was denn so andere Menschen über uns Ostwestfalen denken. Besonders hübsch gleich unter den Top-5-Suchergebnissen die Frage „Wie kann ich einen schweigsamen Ostwestfalen zum Reden bringen?“. Das musste ich mit Euch teilen – und muss ich unbedingt unkommentiert lassen ;-)
  • Wo de wech bist… ist übrigens auch in OWL nicht einerlei. Je nach Stadt verliert sich das „t“ immer mehr – der Herforder z.B. würde fragen: „Wo biste wech?“. 30 km weiter in Bielefeld droht das „t“ sich der Nicht-Existenz der Stadt anzupassen und verschwindet, bis es fast ein „Wo bisse wech?“ wird.
  • Im Übrigen: Wenn ich wählen müsste „Das Kochbuch“ oder „Jerusalem“ und nur eines behalten dürfte, dann wäre es Jerusalem – das ich noch ein wenig verliebens-werter finde als Das Kochbuch.

 

 

 

 

7 Antworten zu “Linsensalat mit Kirschen. Dazu: Ostwestfälische Tugenden. Eine kleine Liebeserklärung an die Menschen meiner Heimat und einen israelischen Koch.

    • liebe Ina,

      irgendein unartiger WordPress-Kobold hat Deinen Kommentar in meiner Kommentarbox versteckt und ich hab ihn erst jetzt gesehen. ach, wie schade!

      herzlichen Dank dennoch für Deine Nachricht hier.

      und herzlichen Glückwunsch zum ersten Blog-Event und den vielen tollen Einreichungen (bin schnell mal zu Dir rübergesprungen und habe mich ein wenig durchgeklickt – um dann auch schnell auf Deinen facebook-Button zu klicken ;-) ).

      ich wünsche Dir einen schönen Abend,
      liebe Grüße,
      Natalie

  1. Da muss ich dann wohl auch bald auf den „fahrenden Zug aufspringen“. :) Dein Belugalinsensalat mit Kirschen lässt mir ja gar keine andere Wahl. ;)
    Achja… ich überfliege Rezept auch oft nur und merke später, dass entweder doch eine essentiell wichtige Zutat fehlt oder aber, wie bei Brioches eine längere Ruhephase notwendig ist. Puh, zum Glück bin ich da nicht allein. ;)

    Liebe Grüße
    Sarah

  2. Ach, liebe Natalie. Jetzt muss ich aber wirklich mal ran an den Ottolenghi. Du und deine Bilder haben mir echt Appetit gemacht ;-)

    Ich habe YO übrigens auch erstmal eine Weile links liegen lassen. Das hat nix mit meiner Herkunft zu tun, sondern mit dem Hype um Ottolenghi. Was alle machen, kann ich unmöglich direkt nachmachen. Wenn es mich nach einer Weile noch interessiert, werde ich halt „late follower“ ;-)

    Zumindest zieren schon mindestens 20 Posts mein YO-Kochbuch (ausnahmsweise mal „Genussvoll Vegetarisch“). Jetzt hast du mir den endgültigen Kick gegeben, endlich auch mal was draus zu kochen :-)

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Jana

    • Hello lovely late follower :-)

      ich kenn das auch – das nee, da rennen alle hinterher, ich muß nicht auch noch. es freut mich aber, wenn ich (und meine Bilder), Dich doch ein wenig neugierig machen konnten.

      das Genussvoll vegetarisch fehlt ja noch in meiner Sammlung. Da kenne ich nur ein paar Eindrücke von Verenas Blog. wenn wir die mit Deinen 20 Post-Its zusammenschmeißen bekomme ich einen umfassenden Eindruck und könnte das nächste YO-Buch durchkochen. also auf! ;-)

      hab ein sonniges Wochenende.
      liebe Grüße,
      Natalie

Setz dem Artikel ein Sahnehäubchen auf!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s